Über Boris Pfeiffer

http://www.borispfeiffer.de/presse/Boris Pfeiffer Lebenslauf.pdf

Stimmen

Oleta Adams war eine und Joss Stone ist irgendwie auch eine,

solange sie singt und nicht redet über Daumen hoch

und Daumen runter. Und der Reggae hat eine und Beethoven hatte

sie und Bach und mein Drache aus Die Geschichte von Ende und Anfang,

wenn er im Ozean aufgeht wie die Sonne. Und der Ozean an sich

hat sie, wenn er vor der Küste Südafrikas anrauscht, wenn er die Sterne

in seinen Bann zieht, den Himmel und diese große Dunkelheit

darüber, die alles aufnimmt und in der du deine ganze Liebe

angeschwommen kommen siehst, weil etwas endlich groß genug ist

für das Ganze.

 

Aber Oleta. Oleta hatte sie. Sie ist die einzige Stimme, die das Beste

in sich hat und es rauslässt. Sie ist wie die Sonne über dem Ganzen,

die sich erhebt und dir dein Herz flutet.  Und gestern, gestern

habe ich sie wiedergehört, in Worten, ohne eine Note, ohne Gesang.

Gestern habe ich sie in einem beschissenen fake Kino der 50er,

in einem der besten Museen aller Zeiten, dem Auswandererhaus

in Bremerhaven da sitzen gesehen und sie gehört.

 

Ihre Stirn lag hinter einer schwarzen Lampe versteckt, ihr Mund hinter

einem Mikrofon. Zitternd saß sie da,  schwach, jung, groß. Und dann hat sie

den Mund aufgemacht und gelesen. Und wie immer, wenn Dichter auf

Dichter treffen, denken sie an das Gegenüber und spiegeln sich in der

ganzen Welt, die da sitzt und liest und ganz ist und sich ausbreitet und

stark ist und wächst. Und die du liebst, solange sie nur spricht, der du

zuhörst und dann denkst: Lass mich auch für dich singen.

 

Dann öffnet sich der Reigen einmal von vorne. Und es ist Dankbarkeit,

die aus dir strömt. Sie fließt wie Wasser unter was für einem Himmel

auch immer. Aber unter einem Himmel fließt sie und strömt. Und sie

zieht Vögel an, Eulen und Krähen und Papageien mit bunten Schwanzfedern

und Nachtbilder deiner Lieblingsstadt. Und fliegende Delphine und

Segelboote auf verblassten Postkarten in hellgrau und Regenbögen auf den

Zeichnungen von 16jährigen, die Gesichter zerschneiden und deinen

Gedanken von heute Morgen, dass die Erde mitten in deinem Brustkorb

aufsteigt, dass sie da lebt, da, wo dein Herz schlägt. Dass das Licht auf

den Kiefernadeln im Kiefernwald am Mittelmeer alles in sich hat, was

man zum Leben erzählen kann. Dass da ein Lächeln ist in einer Stimme,

die dich annimmt.

 

Und weil du klug bist, drehst du dich um und hörst weiter. Und dann

kommt Sade. Und Santana begleitet sie und deine Freunde, wie Hilde aus

Bonn und Josh aus Berlin und Tobi und Nadine, die zum Sport heute ein

Flusenshirt von C&A oder so einem ähnlichen Laden anhatte und aussah

wie eine lustige Anziehpuppe. Nadine, die in diesem T-Shirt jeden Stier

bezwingt und darüber lächelt wie ein wildes Kind. Why can’t we be together

singt Sade zu Santanas Gitarre, und du erinnerst dich an die Tage damals,

als du zum ersten Mal geheiratest hast. Du warst mit einer unglücklichen

Frau zusammen und konntest ihr das Glück nicht bringen, es ihr

nicht zu Füßen legen und nicht ins Herz. No matter, no matter what color.

 

Und du schaust nach der Eule, die du in Bremerhaven gekauft hast von

einem Antikentrödler mit Fistelstimme. Der dir gesagt hat: Ich hole nur Nettes,

aber ich weiß, jeder sagt, nett ist was anderes. Und dann hast du auch

noch die silberne Krähe mitgenommen und ihre Schwester im Schaufenster

stehen gelassen. Ihre Schwester einsam zurückgelassen. Und es gut getan.

Denn die Einsamkeit birgt Früchte.

 

An den Straßenrändern vibriert es. Untergang, Aufgang. Und an den Rändern

der Sonne und an Herz und Offenheit.  Ich will dich erreichen mit meinen

Worten, in dein Herz strömen, Da ist einer, der singt auch alleine oder vielleicht

auch nicht. Lass mich los, berühr mich nicht, geh weg, so viel Schönheit wie deine

Lieder ertrage ich nicht. Ich werde sterben und du wirst leben und all mein Sehnen

wird untergehen und du wirst da sein. So jung bist du, so schön ist das Leben,

dahinschreitend.

 

Du verströmst dieses eine Wort. Wer wird die Zeit überschreiten? Vor dem

Sterben habe ich keine Angst, wirklich keine. Nur weitergehen, nur die Grenzen

sprengen, danach sehne ich mich. Mein Leben in die nächste Hand legen, die

nächste Hand . So simpel ist es, immer weiter das Leben in die nächste Hand legen.

Das Leben immer weiter geben, immer weiter. Das Leben und seine Stimmen.

Jeanette, die einen unfairen Mann hatte. Eva, die viele unfaire Männer hatte.

Mattias, der Eva an sie verlor.

 

Einer meiner großen alten Männer, einer meiner Meister, der aussah wie eine Eule.

Gestern habe ich ihm zum 80 Geburtstag die Holzeule gekauft. Ein wunderbarer

bunter Riesenvogel, handgeschnitzt, guckt quer durch die Welt. Aber nun

fürchte ich, er wird ihm nicht gefallen. Ich werde ihn behalt und ihm ein anders

Geschenk suchen. Ich sehne mich nach Menschen, die alles was ich angesehen habe

auch auf Anhieb verstehen.  Ich möchte ihm gerne die Eule schenken und ihm sagen:

Du hast für mich immer wie ein Eule ausgesehen. Du hast immer geguckt wie eine.

Du hast diesen weisen Blick gehabt, diesen lieben Blick, dieses seltsame Kopfdrehen,

die Wachsamkeit, diese Ruhe, diese Gelassenheit, diesen Eulenblick. Du bist für mich

ein Eulerich. Du bist ein lieber Mann, der aussieht wie eine Eule. Ich liebe dich dafür.

Du bist ein guter Mann. Du bist ein guter Mann und ich schenke dir diese Eule aus

vollem Herzen. Weil wir zusammengehören auf dieser Welt, in der fast alles getrennt ist.

Weil es kein Schlusswort gibt.  Nur immer ein Weitergehen und ein Weitergeben und ein

Bestehen in dieser Welt von den Menschen, die die Flügel ausstrecken.

 

bp 16. Juni 2017 (für ZH und VL)

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24/7 without

Abgeschnitten von den tiefen Quellen,

angekommen in der Welt von hier;

nachts nur, wenn die Hunde bellen (Kläffer

aus dem Steinrevier) mache ich das Fenster auf,

wo bist du?

 

Sauge Luft ein, greife schnell zu fassende Klamotten,

laufe durch das Stadtgeviert, laufe nicht zu

dir.

 

Dunkel, das ich kenne. Niemals werde ich

die wiedersehen, die ich liebend sah in dir.

Kennst du diese Worte, dass sich tot zu stellen

in der Welt, gesünder wär?

 

Nein, ich spiele nur mit Worten! Niemals hätte

ich die Welt, nur aus Hang zu dir,

auf den Kopf gestellt … (glaubst du mir?)

 

Meine Flügel brechen, wenn ich das laut denke,

denn das Gegenteil ist wahr!

Es war immer alles, was ich wollte: den Planeten

unter meinen Füßen weich zu tanzen.

Ihn zu lehren, was zu fliegen wirklich wär

(oder was ich davon halte. Auch mit dir.)

 

Voll egal.  Siehst du die Taube auf Dächern?

Hast du Platz für siebenhundert Meter

westberliner Freiheitsmist?

Dann hör zu:

 

Ich, um einer Seele ganzer Trauer

nun bereichert, fülle jede Fuge, wenn die Welt

zerfällt mit dem letzten Rest von Liebe,

den ich kenne und erhalte.
Und wir greifen uns die Reste, die wir

kennen (Ferien im Hotel, eine Weile ausruhn, ab von

allem) und versprechen uns die besten Tage

dieser Welt. Aua, aua. Oder, dear?

 

Ja, die Welt geht unter; wir nur

werden bunter; denn es gibt nichts aufzuhalten.

Oder: nur verbreiten müssen wir, was wir lieben!

Freundschaft, Hunger, lüsterne Gedanken, Einsamkeit

und ohne Schranken, alles was uns möglich ist.

Kiss.

 

Ungerechte Wilde. Aber wer und was, warum!

Gegensätze ziehn sich nicht mehr an?

Fuck yourself, my killer! Liebe kommt aus

Widerständen; Liebe kommt aus wildem Wuchs.

 

Liebe kommt zur Not, aus Bomben. Liebe

überwindet Christen und IS?!

 

Weiß du, wenn das Töten Schluss macht,

gehen Himmelspforten auf.

Und dann siehst du keine Jungfrauen.

Und dann siehst du keine Kohle.

Und dann siehst du keine Ketten.

Alles, was du siehst, ist,

was dein Herz begehrte.

 

Und in diesen wirren Stunden,

lieb sie weiter. Denn die Welt

wird immer sich verändern.

Und wir werden sie verändern,

immer wieder, sie und ich.

Nur wohin, das weiß ich nicht.

 

Welt, die heute unter unseren Füßen sinkt.

Immer weiter werd‘ ich denken: weit hinaus.

Über IS, Polizisten, Ferienhäuser, Liebe, Kram …

 

Weil ein westberliner Junge nichts kennt,

außer Freiheit für sein Leben …

 

 

November 2015

Wir sind bei Dir, Paris, in deinen Straßen,

an all den zarten und lichtdurchfluteten Orten,

bei unserem Freund, dem amerikanisch-jüdischen

Antiquar, bei Jakob und Binette aus Afrika, die uns

herumführten durch dich und dann mit uns tanzten.

Wir sind bei dir und der verrückten Hélène, bei der Frau

im roten Mantel, die uns durch die Scheibe der Métro

nachsah mit so großen Augen, bei Niko, der drei Tage

in dir verschwand und voller glücklicher Erinnerungen

wieder auftauchte, bei Armut und Missstand und

Wein und nüchterner Analyse.

 

Wir sind bei dir Paris, bei den Frauen der Pariser Kommune,

bei Louise Michel. Wir sind auch bei Edith, die nichts bereut,

bei dem weißhaarigen Mann, der uns Pfirsiche schenkte,

bei der Nike von Samothrake, vor deren kopfloser Schönheit

schon viele in Ohnmacht fielen. Wir sind beim gebannten Denker

Rodins und wir steigen in dir durch den verlorenen Turm der Arbeit

von Klasse zu Klasse und Mensch zu Mensch.

 

Wir sind bei dir, Paris, in deiner Trauer und im Schmerz.

Und wir werden auch bei dir sein auf den Barrikaden, um

den Wahnsinn aufzuhalten, gegen die, die ihn bringen, die,

die ihn schüren und die, die ihn senden.

Hamburg und damals

Kremer war weg und lebte woanders

und Da Silva war weg und niemand konnte

sagen, wo. Und auch das Haus hatte sich

verändert. An der Tür stand jetzt nur noch

ein Name und ein Firmenname dazu,

schwarz, auf einer goldenen Platte.

Ich sah die Fassade hoch. Das Morgenlicht

glänzte auf den nassen Schieferplatten und

die Fenster trugen inzwischen Gitter. Es sah

nicht gerade aus wie ein Knast, aber rein

sollte da niemand und niemand sollte was

rausholen können. Da war ich die Treppe

runtergestürzt, damals, als ich die Jamaikanerin

heiraten wollte und Kremer das Portemonnaie

ausgeräumt hatte, als er nach unserem letzten

Schachspiel im Bett lag und schnarchte. Die

Treppe runter war ich gegen Da Silva gerannt,

aber der hatte bloß den Kopf geschüttelt und

nichts gesagt. Der Jamaikanerin hatte ich das Geld

gegeben, aber geheiratet hatte ich sie nicht.

Ich hatte nie geheiratet. Und auch zu Kremer

war ich nicht mehr gekommen in diesem Haus,

weil es mich woanders hin verschlug und ihn

dann auch und wir uns erst viel später ganz woanders

wiedertrafen. Und Schach haben wir auch nicht wieder

gespielt.

BP 8.7.2015

Kein schöner Anblick

Es war wirklich kein schöner Anblick,

als sie anfing nach Geld zu fragen.

Sie kreischte mir die Ohren voll in einem Ton,

der von ihrem ganzen Körper ausging.

Und von nun an schwang es mit in allen ihren Worten.

Geld durchdrang ihre Bewegungen;

sie war so durchtränkt davon wie

ein heißer Pfannkuchen mit Zucker.

Geld, Geld, Geld!

Ich höre es noch heute

und ich konnte es verstehen,

denn wer braucht kein Geld?

Aber dass sie dafür davor mit allem,

was sie mir sagte, immer gelogen hatte,

um dann hier zu landen,

war ein grauenhaftes Schicksal.

Sie hatte ihre acht Kinder und die

Wohnung am Kudamm und sie

musste ihnen ihr Überleben sichern.

Die Schule, die Nachmittagsbetreuung,

den Kindergarten. Aber was sie nicht

fertigbrachte, war zu sagen: Bitte

gib mir das Geld für meine Kinder.

Stattdessen sagte sie mir:

Wir sind uns so nah, das kann nie

wieder jemand zerstören.

Und natürlich glaubte ich ihr.

Mit 51 glaubst du jeder Frau

alles, was sie dir sagt, wenn du

bereit bist, alles zu glauben

und dich fragst, was das Leben wirklich ist.

Aber was dann kam war wirklich

gigantisch: Ihre Arme wanden sich

wie Tentakel um ihren Körper und

sie schrieb mit schwarzer Tinte in den

Himmel: Gib mir Geld. Zahl mir die

Miete. Zahl den Kindergarten. Zahl

den Arzt. Gibt es mir bar. Tu endlich

etwas für mich. Sei nicht so ein Egoist,

du Scheißkerl! Zahl endlich, zahl, zahl, zahl.

Es war absolut gigantisch. Sie schrie und

blökte wie ein Opferlamm auf heißen Kohlen

und jede ihrer Bewegungen davor

sank in ein Aschegrab. Jeder Kuss, jeder Blick.

Alles, was sie mir gesagt hatte, wurde zu Asche.

Das Geld überschwemmte alles.

Ich hatte mir nicht vorstellen können, dass ein

Mensch für Geld jede Regung vorspielen kann.

Aber sie konnte es und sie machte es perfekt.

Hör nicht auf zu schreiben, meine Kinder

lieben deine Bücher, sagte sie mir.

Ich liebe dein Arbeitszimmer, ich würde mich hier

auf den Boden setzen und selber arbeiten.

Ich kann aber nicht zu dir kommen,

da sind so viele andere Männer, denen ich

helfen muss. Oh! Geld hat so viele Worte…

Aber wisst ihr was die letzten Worte von ihr waren?

Kannst du mir eine Bürgschaft unterschreiben

für eine kleinere Wohnung, wir haben uns

doch immer so gut verstanden …

 

Nein, sagte ich. Und dann schwieg sie.

Und ihr könnt euch nicht vorstellen

wie glücklich mich dieses Schweigen machte.

 

BP, Juni 2015

für L.L. und J.W.

Kids and books, die letzte

Sie lachen, wenn ich den Affen lese. Beim Affen

lachen sie gerne. Sie schmeißen sich weg. Sogar die

coolen Jungs. Plötzlich rollen sie mit den Augen,

reißen die Münder auf und atmen so heftig und

mit glucksenden, schreiender Geräuschen,

als könnten sie sich alle irgendwas greifen und

daran durch die Luft schwingen. Die langen Haare

der Mädchen, eine Jacke, ein Stuhlbein, den Fenstergriff.

Beim Affen lachen sie. Auch die Mädchen. Sie reißen

die Augen noch weiter auf als die Jungen und drücken

sich mit Lachschreien in ihre Sitze.

Beim Affen lachen sie selbst dann, wenn

sie davor stumm waren wir Fische. Ja, besonders dann.

 

Es ist nicht mein Verdienst. Es ist das Verdienst des

Affen, den ich lese. Er hat eine tiefe Stimme und

sagt immer nur die Wahrheit. Aber wenn ich als Mann

dasselbe mache und sage, lachen sie nicht.

 

Ihre Direktorin hat mich vor ein paar Monaten

in die Schule geholt und gesagt,

dass ich mit ihnen eine Fernsehsendung machen

soll. Es ist eine Schule, in der immer

die Tür abgeschlossen ist und jedes

Tor auch und niemand kommt rein.

Wer rein kommt, muss sich ein Besucher-

Schild anklemmen und jeder der

rein kommt wird fragend beäugt. Etwas war los hier.

Etwas war los an dieser Schule. Etwas, über das

keiner spricht. Aber über den Affen lachen sie.

Und es befreit sie.

 

Mit ihrer Direktorin habe ich abgemacht,

dass ich mit ihnen über ihre Schule spreche.

Über die guten Seiten, über IHRE Schule

und warum sie sie mir zeigen können.

Aber jetzt ist sie krank geworden, diese Frau.

Und als ich komme weiß keiner mehr, was

sie zu mir gesagt hat und was ich mit ihr

besprochen habe. Eure Schule, frage ich sie,

warum ist sie besonders? Wir haben alle ein Instrument,

sagt einer. Und dann ist Schluss. Dann schweigen sie

und sind stumm, bis ich den Affen lese.

 

Das reicht nicht, sage ich. Wenn wir das im Fernsehen

bringen, dann sind das vielleicht zwei Minuten oder

eine. Was ist noch gut hier? Aber sie sagen nichts weiter,

bis ein Junge Musikinstrumente murmelt.

Was ist mit eurer Direktorin, denke ich. Könnt ihr

euch an die erinnern? Wisst ihr, warum sie

Instrumente besorgt hat für euch alle? Ich spreche

es nicht aus. Ich denke es nur. Vielleicht denke ich es

auch erst ein paar Stunden später.

 

Ich sehe in ihre Gesichter. Wisst ihr, warum sie nicht

mehr hier ist? Was sie hat? Und warum es hier alle

diese Instrumente gibt? Mittwoch sehe ich sie alle

wieder. Da werde ich nicht den Affen lesen. Aber

vielleicht werde ich sie fragen, wer diese Frau ist,

der sie die Instrument verdanken.

 

Ich werde eher nicht fragen, warum das so ist oder

wo sie jetzt ist. Aber vielleicht werde ich sagen,

dass sie mich hergeholt hat und wollte,

dass ich mit ihnen spreche. Und vielleicht werde

ich ihnen sagen, sagt es mir wie der Affe,

über den ihr so gelacht habt, wisst ihr noch?

Mit aufgerissenem Maul und rollenden Augen und

mit so tiefer Stimme wie ihr nur könnt. Sie werden

es nicht tun. Aber wenn wir Glück haben, werden sie

an die Direktorin denken und in ihren Augen wird

eine große Dunkelheit sein und wenn einer den Mut

findet, wird er doch fühlen wie der Affe, an den ich sie

erinnert habe.

 

BP, JUNI 2015

Ein anderer Ort

Sie haben ein Seil vor die Tür gespannt und lassen nicht jeden rein in ihr Restaurant, 
und benannt haben sie es nach einem, 
der gesagt hat: erst dann, wenn ich 
begraben bin, solltet ihr mein Erbe teilen …

Drinnen sieht es aus wie in einem Wohnzimmer alter Liebhaber, die viel um die Welt gekommen sind. Spiegelbilder, Zeichnungen, locker gepinselte Großstadtszenen, ein paar monströse Schinken, Glitzer und Andenken und was ihre Augen sonst alles  zum Funkeln gebracht hat.

Sie macht die Küche und er die Bar. Früher, sagt sie, hat er mich zu Weihnachten gefragt, möchtest du einen neuen Mantel oder ein Kilo Kaviar. Sie lacht auf. Dann habe ich eine Flasche Dom Perignon geköpft, mich mit dem Kaviar in die Küche gesetzt und war glücklich. 

An einem Abend gibt es Kartoffelpuffer. Sie verschwindet dafür in der Küche in Dampf und Fettschwaden und klingelt, wenn sie die nächste Ladung fertig hat. Er holt immer drei auf einem Teller. Und dann Rindersalat, Hähnchen, Lachs, Tartar, Kapern, gehacktes Ei, rote Zwiebeln, Schmand … 

Er nickt. So habe ich essen gelernt als Junge, bei meinem jüdischen Schulfreund. Ich kannte nur Puffer mit Apfelmus und Zucker. Aber nach dem hier. Er denkt nach. Und Familie habe ich da kennengelernt, Füreinander, den Kindern das Leben beibringen. 

Wir haben natürlich Mist gemacht, wir waren Jungen. Polizisten veräppelt und so. Dann hat uns sein Vater in den Keller gerufen, der war ein berühmter Anwalt, und gesagt: ich regel das für euch! Aber so macht man das nicht, so geht es nicht. 

Sie sind füreinander da, diese beiden. An der Bar läuft seine Musik und in der Küche vollbringt sie ihre Geheimnisse für die Gäste. 

Es ist ein Ort für Menschen hier. Und so sehen sie es auch. Sie kennen ihre Gäste und die Besten lassen sie an ihrem Leben teilhaben. 

Ich war immer glücklich, wenn ich bei ihnen gegessen und getrunken habe.

BP Juni 2015

Kurz vor der Abreise

Es stimmt schon, wir haben Gesetze

dazu, was passiert, wenn ein Kerl

einem anderen eine aufs Maul gibt

und auch für prügelnden Väter und

Mütter, die Ohrschellen verteilen, gibt es Gesetze.

Selbst für Männer, die ihre Frauen schlagen,

springt manchmal noch eine Strafe hinaus

oder etwas in der Art. Aber was wir nicht

haben, sind Gesetze gegen den Psychoterror.

Terror von Lehrern gegen Kinder

und Chefs gegen ihre Angestellten

und karrieregeilen Möchtegernen und

genau solchen einsamen Zombies,

die sich die Welt Untertan machen wollen

gegen alles, was ihnen im Weg steht,

oder Professoren, die ihre Mitarbeiter

mobben oder abgehalfterte Schlampen

im Mittelbau, die nichts tun tagein tagaus

als ein mieses Teile und Herrsche,

oder falsche Schlangen, die ihre verlogenen

Gleichstellungsnummern wie blauäugige Krokodile

mit angeklebten Wimpern dick, dick, dick

und zick, zick, zick auftragen, um ihre

Konkurrentinnen abzuschießen.

Wir haben auch keine Gesetze gegen

jünglingshafte Intriganten mit kleinem

Schmärbauch, die mit der Presse kungeln, um

sich den Arsch mit Blattgold einreiben zu

lassen oder gegen Journalisten, die schreiben,

was ihnen so ein Blattgoldwischer diktiert.

So, wie wir keine Gesetze haben gegen den

Mob, den Mob der Politiker und Steuerberater, Banker,

fluchende Spaziergänger, Typen mit zu viel Geld

oder das Fernsehen und die Werbung. Wir sind

machtlos gegen den Geist. Alles, was uns bleibt,

ist selber ein Stück weit zu denken und dann ist es schwer

dafür Worte zu finden, von so vielen Worten

wie wir umschwirrt werden. Sie hämmern auf uns

ein, streicheln unsere Schläfen, winseln und kläffen

und betören und reißen an unseren Ohren. Das

Sonnenlicht treibt sie nicht weg, der Regen wäscht sie

nicht fort, selbst im Schlaf kommen sie immer wieder.

Aber uns bleibt keine andere Chance, als

nach ihnen zu suchen, irgendwo da in uns, irgendwo

da, im Herz oder den Nieren oder der Leber

oder wo das Gift sonst noch hinträufelt, irgendwo

da, wo das Leben gegen das Gift aufsteht

in der Tiefe unserer einsamen Organe.

BP Juni 2015

Ein paar Worte aus der sogenannten Krise

Da betrügen welche und da gehen welche pleite
und da verdienen ein paar fett daran und da werden einige
sehr reich. Und da sagen ein paar, sie hätten das Sagen
in der ganzen Sache. Aber mittlerweile halte ich sie alle
für echte Versager. Sie behaupten eine Menge, aber was
sie im Hirn haben oder im Herzen, das zeigt sich nicht.
Diese Menschen wollen Völker führen, wollen Staaten
lenken. Aber was sie denken von sich, dass sie sich alle
dem Geld Untertan machen, das zeigen sie nicht.
Was also denken sie? Was geht in ihnen vor? Was haben
sie ihren Männern und Frauen zu sagen, ihren Kindern und
ihren Göttern? Ich glaube nicht viel.

Wenn sie sich bekennen, werden sie zu Kreuze kriechen
müssen und zugeben, dass sie ein Spiel gespielt haben
ohne Regeln. Und dass sie gedacht haben, die Regeln
selbst machen zu können, um von Rest der Menscheit
geliebt zu werden. Darum geht es im Grunde. Die Saftsäcke
wollen im Licht stehen und geliebt werden. Oder sie wollen
es leichter haben als die anderen. Oder sie wollen beweisen,
dass sie mit ihrer Arbeit mehr bringen als Du und ich.
Aber was sie uns bringen, ich frage euch, was ist es?
Was bringen sie uns, wenn sie uns vorspielen, dass sie
die Dinge in der Hand haben und alles regeln?

Glaubt ihnen oder glaubt ihnen nicht. Besser ist es für jeden
von uns ohne ihre Macht, sich seine eigenen Gedanken zu machen
und ein paar Gedichte zu schreiben. Oder mit seinen Kindern
zu sprechen. Oder seiner Geliebten zu erklären, warum sie aufhören
soll, noch ein paar Euro mehr zu verlagen. Oder Gott zu preisen.
Oder auf die Brandung zu lauschen und auf die Stille der Berge
dahinter. Glaubt was ihr wollt, Leute. Aber glaubt nicht denen, die
behaupten, sie dürften euch regieren. Sie sind die Minderheit, und das
auch, wenn sie sagen, die Demokratie hätte sie dazu ermächtigt.

Zweifelt an der Demokratie, Leute, wenn sie behauptet, euch vorsagen
zu dürfen, was ihr denken sollt. Zweifelt an den Machthabern.
Und zweifelt am Geld.

http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/eurokrise/griechenland/griechenland-krise-athen-bleibt-hart-die-geldgeber-auch-13668326.html

Was so passiert ist

 

Gestern stand in der Einfahrt plötzlich dieser

riesige Müllcontainer, als wäre irgendwo hinter

dem Haus über Nacht eine Baustelle

aufgemacht worden. Als ich vorbei ging,

leuchtete es in dem Ding bunt auf. Um besser

zu sehen, stieg ich auf das Mäuerchen

daneben, das die Einfahrt runterführt und

Fußgänger von Autos trennt, obwohl ich hier

noch nie ein Auto gesehen habe.

Er lag voll mit zerbrochener und in dicken

Bündeln weggeworfener Kunst von Kindern.

Tonköpfe, die mich anlächelten wie zahnlose

Cäsaren lagen zusammen mit alten Mütterchen

und Hunderten kleiner Vasen. Dazwischen

erhoben sich Indianerforts aus Zweigen, bunte

Häuser, jede Menge noch buntere Bilder, eins

über dem anderen und manchmal waren die

dicken Stapel etwas verrückt, sodass eine ganz

neue Welt unter einer anderen ganz neuen Welt

um die Ecke lugte. Und dazu eine große Burg

aus Keramik mit schillernden glasierten Mauern,

und viele, viele Schneckenhäuser aus Ton in Türkis

oder einem warmen Braun oder einem cremigen Weiß,

das im Licht da im Müllcontainer schimmerte wie

Sahne und Schnee aus Karamell. Es sah, als hätte ein

gelangweilter Archäologe seine besten Fundstücke

in die Tonne gekippt. Ich sah es mir an, ich konnte

den Blick kaum lösen. Aber dann ging ich weiter in

meinen Tag, zu Fuß  wie alle hier, vorbei an einem

riesigen Müllcontainer mit unseren Schätzen.

 

 

BP / Juni 2015