Stimmen

Oleta Adams war eine und Joss Stone ist irgendwie auch eine,

solange sie singt und nicht redet über Daumen hoch

und Daumen runter. Und der Reggae hat eine und Beethoven hatte

sie und Bach und mein Drache aus Die Geschichte von Ende und Anfang,

wenn er im Ozean aufgeht wie die Sonne. Und der Ozean an sich

hat sie, wenn er vor der Küste Südafrikas anrauscht, wenn er die Sterne

in seinen Bann zieht, den Himmel und diese große Dunkelheit

darüber, die alles aufnimmt und in der du deine ganze Liebe

angeschwommen kommen siehst, weil etwas endlich groß genug ist

für das Ganze.

 

Aber Oleta. Oleta hatte sie. Sie ist die einzige Stimme, die das Beste

in sich hat und es rauslässt. Sie ist wie die Sonne über dem Ganzen,

die sich erhebt und dir dein Herz flutet.  Und gestern, gestern

habe ich sie wiedergehört, in Worten, ohne eine Note, ohne Gesang.

Gestern habe ich sie in einem beschissenen fake Kino der 50er,

in einem der besten Museen aller Zeiten, dem Auswandererhaus

in Bremerhaven da sitzen gesehen und sie gehört.

 

Ihre Stirn lag hinter einer schwarzen Lampe versteckt, ihr Mund hinter

einem Mikrofon. Zitternd saß sie da,  schwach, jung, groß. Und dann hat sie

den Mund aufgemacht und gelesen. Und wie immer, wenn Dichter auf

Dichter treffen, denken sie an das Gegenüber und spiegeln sich in der

ganzen Welt, die da sitzt und liest und ganz ist und sich ausbreitet und

stark ist und wächst. Und die du liebst, solange sie nur spricht, der du

zuhörst und dann denkst: Lass mich auch für dich singen.

 

Dann öffnet sich der Reigen einmal von vorne. Und es ist Dankbarkeit,

die aus dir strömt. Sie fließt wie Wasser unter was für einem Himmel

auch immer. Aber unter einem Himmel fließt sie und strömt. Und sie

zieht Vögel an, Eulen und Krähen und Papageien mit bunten Schwanzfedern

und Nachtbilder deiner Lieblingsstadt. Und fliegende Delphine und

Segelboote auf verblassten Postkarten in hellgrau und Regenbögen auf den

Zeichnungen von 16jährigen, die Gesichter zerschneiden und deinen

Gedanken von heute Morgen, dass die Erde mitten in deinem Brustkorb

aufsteigt, dass sie da lebt, da, wo dein Herz schlägt. Dass das Licht auf

den Kiefernadeln im Kiefernwald am Mittelmeer alles in sich hat, was

man zum Leben erzählen kann. Dass da ein Lächeln ist in einer Stimme,

die dich annimmt.

 

Und weil du klug bist, drehst du dich um und hörst weiter. Und dann

kommt Sade. Und Santana begleitet sie und deine Freunde, wie Hilde aus

Bonn und Josh aus Berlin und Tobi und Nadine, die zum Sport heute ein

Flusenshirt von C&A oder so einem ähnlichen Laden anhatte und aussah

wie eine lustige Anziehpuppe. Nadine, die in diesem T-Shirt jeden Stier

bezwingt und darüber lächelt wie ein wildes Kind. Why can’t we be together

singt Sade zu Santanas Gitarre, und du erinnerst dich an die Tage damals,

als du zum ersten Mal geheiratest hast. Du warst mit einer unglücklichen

Frau zusammen und konntest ihr das Glück nicht bringen, es ihr

nicht zu Füßen legen und nicht ins Herz. No matter, no matter what color.

 

Und du schaust nach der Eule, die du in Bremerhaven gekauft hast von

einem Antikentrödler mit Fistelstimme. Der dir gesagt hat: Ich hole nur Nettes,

aber ich weiß, jeder sagt, nett ist was anderes. Und dann hast du auch

noch die silberne Krähe mitgenommen und ihre Schwester im Schaufenster

stehen gelassen. Ihre Schwester einsam zurückgelassen. Und es gut getan.

Denn die Einsamkeit birgt Früchte.

 

An den Straßenrändern vibriert es. Untergang, Aufgang. Und an den Rändern

der Sonne und an Herz und Offenheit.  Ich will dich erreichen mit meinen

Worten, in dein Herz strömen, Da ist einer, der singt auch alleine oder vielleicht

auch nicht. Lass mich los, berühr mich nicht, geh weg, so viel Schönheit wie deine

Lieder ertrage ich nicht. Ich werde sterben und du wirst leben und all mein Sehnen

wird untergehen und du wirst da sein. So jung bist du, so schön ist das Leben,

dahinschreitend.

 

Du verströmst dieses eine Wort. Wer wird die Zeit überschreiten? Vor dem

Sterben habe ich keine Angst, wirklich keine. Nur weitergehen, nur die Grenzen

sprengen, danach sehne ich mich. Mein Leben in die nächste Hand legen, die

nächste Hand . So simpel ist es, immer weiter das Leben in die nächste Hand legen.

Das Leben immer weiter geben, immer weiter. Das Leben und seine Stimmen.

Jeanette, die einen unfairen Mann hatte. Eva, die viele unfaire Männer hatte.

Mattias, der Eva an sie verlor.

 

Einer meiner großen alten Männer, einer meiner Meister, der aussah wie eine Eule.

Gestern habe ich ihm zum 80 Geburtstag die Holzeule gekauft. Ein wunderbarer

bunter Riesenvogel, handgeschnitzt, guckt quer durch die Welt. Aber nun

fürchte ich, er wird ihm nicht gefallen. Ich werde ihn behalt und ihm ein anders

Geschenk suchen. Ich sehne mich nach Menschen, die alles was ich angesehen habe

auch auf Anhieb verstehen.  Ich möchte ihm gerne die Eule schenken und ihm sagen:

Du hast für mich immer wie ein Eule ausgesehen. Du hast immer geguckt wie eine.

Du hast diesen weisen Blick gehabt, diesen lieben Blick, dieses seltsame Kopfdrehen,

die Wachsamkeit, diese Ruhe, diese Gelassenheit, diesen Eulenblick. Du bist für mich

ein Eulerich. Du bist ein lieber Mann, der aussieht wie eine Eule. Ich liebe dich dafür.

Du bist ein guter Mann. Du bist ein guter Mann und ich schenke dir diese Eule aus

vollem Herzen. Weil wir zusammengehören auf dieser Welt, in der fast alles getrennt ist.

Weil es kein Schlusswort gibt.  Nur immer ein Weitergehen und ein Weitergeben und ein

Bestehen in dieser Welt von den Menschen, die die Flügel ausstrecken.

 

bp 16. Juni 2017 (für ZH und VL)

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