Kein schöner Anblick

Es war wirklich kein schöner Anblick,

als sie anfing nach Geld zu fragen.

Sie kreischte mir die Ohren voll in einem Ton,

der von ihrem ganzen Körper ausging.

Und von nun an schwang es mit in allen ihren Worten.

Geld durchdrang ihre Bewegungen;

sie war so durchtränkt davon wie

ein heißer Pfannkuchen mit Zucker.

Geld, Geld, Geld!

Ich höre es noch heute

und ich konnte es verstehen,

denn wer braucht kein Geld?

Aber dass sie dafür davor mit allem,

was sie mir sagte, immer gelogen hatte,

um dann hier zu landen,

war ein grauenhaftes Schicksal.

Sie hatte ihre acht Kinder und die

Wohnung am Kudamm und sie

musste ihnen ihr Überleben sichern.

Die Schule, die Nachmittagsbetreuung,

den Kindergarten. Aber was sie nicht

fertigbrachte, war zu sagen: Bitte

gib mir das Geld für meine Kinder.

Stattdessen sagte sie mir:

Wir sind uns so nah, das kann nie

wieder jemand zerstören.

Und natürlich glaubte ich ihr.

Mit 51 glaubst du jeder Frau

alles, was sie dir sagt, wenn du

bereit bist, alles zu glauben

und dich fragst, was das Leben wirklich ist.

Aber was dann kam war wirklich

gigantisch: Ihre Arme wanden sich

wie Tentakel um ihren Körper und

sie schrieb mit schwarzer Tinte in den

Himmel: Gib mir Geld. Zahl mir die

Miete. Zahl den Kindergarten. Zahl

den Arzt. Gibt es mir bar. Tu endlich

etwas für mich. Sei nicht so ein Egoist,

du Scheißkerl! Zahl endlich, zahl, zahl, zahl.

Es war absolut gigantisch. Sie schrie und

blökte wie ein Opferlamm auf heißen Kohlen

und jede ihrer Bewegungen davor

sank in ein Aschegrab. Jeder Kuss, jeder Blick.

Alles, was sie mir gesagt hatte, wurde zu Asche.

Das Geld überschwemmte alles.

Ich hatte mir nicht vorstellen können, dass ein

Mensch für Geld jede Regung vorspielen kann.

Aber sie konnte es und sie machte es perfekt.

Hör nicht auf zu schreiben, meine Kinder

lieben deine Bücher, sagte sie mir.

Ich liebe dein Arbeitszimmer, ich würde mich hier

auf den Boden setzen und selber arbeiten.

Ich kann aber nicht zu dir kommen,

da sind so viele andere Männer, denen ich

helfen muss. Oh! Geld hat so viele Worte…

Aber wisst ihr was die letzten Worte von ihr waren?

Kannst du mir eine Bürgschaft unterschreiben

für eine kleinere Wohnung, wir haben uns

doch immer so gut verstanden …

 

Nein, sagte ich. Und dann schwieg sie.

Und ihr könnt euch nicht vorstellen

wie glücklich mich dieses Schweigen machte.

 

BP, Juni 2015

für L.L. und J.W.

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