Kids and books, die letzte

Sie lachen, wenn ich den Affen lese. Beim Affen

lachen sie gerne. Sie schmeißen sich weg. Sogar die

coolen Jungs. Plötzlich rollen sie mit den Augen,

reißen die Münder auf und atmen so heftig und

mit glucksenden, schreiender Geräuschen,

als könnten sie sich alle irgendwas greifen und

daran durch die Luft schwingen. Die langen Haare

der Mädchen, eine Jacke, ein Stuhlbein, den Fenstergriff.

Beim Affen lachen sie. Auch die Mädchen. Sie reißen

die Augen noch weiter auf als die Jungen und drücken

sich mit Lachschreien in ihre Sitze.

Beim Affen lachen sie selbst dann, wenn

sie davor stumm waren wir Fische. Ja, besonders dann.

 

Es ist nicht mein Verdienst. Es ist das Verdienst des

Affen, den ich lese. Er hat eine tiefe Stimme und

sagt immer nur die Wahrheit. Aber wenn ich als Mann

dasselbe mache und sage, lachen sie nicht.

 

Ihre Direktorin hat mich vor ein paar Monaten

in die Schule geholt und gesagt,

dass ich mit ihnen eine Fernsehsendung machen

soll. Es ist eine Schule, in der immer

die Tür abgeschlossen ist und jedes

Tor auch und niemand kommt rein.

Wer rein kommt, muss sich ein Besucher-

Schild anklemmen und jeder der

rein kommt wird fragend beäugt. Etwas war los hier.

Etwas war los an dieser Schule. Etwas, über das

keiner spricht. Aber über den Affen lachen sie.

Und es befreit sie.

 

Mit ihrer Direktorin habe ich abgemacht,

dass ich mit ihnen über ihre Schule spreche.

Über die guten Seiten, über IHRE Schule

und warum sie sie mir zeigen können.

Aber jetzt ist sie krank geworden, diese Frau.

Und als ich komme weiß keiner mehr, was

sie zu mir gesagt hat und was ich mit ihr

besprochen habe. Eure Schule, frage ich sie,

warum ist sie besonders? Wir haben alle ein Instrument,

sagt einer. Und dann ist Schluss. Dann schweigen sie

und sind stumm, bis ich den Affen lese.

 

Das reicht nicht, sage ich. Wenn wir das im Fernsehen

bringen, dann sind das vielleicht zwei Minuten oder

eine. Was ist noch gut hier? Aber sie sagen nichts weiter,

bis ein Junge Musikinstrumente murmelt.

Was ist mit eurer Direktorin, denke ich. Könnt ihr

euch an die erinnern? Wisst ihr, warum sie

Instrumente besorgt hat für euch alle? Ich spreche

es nicht aus. Ich denke es nur. Vielleicht denke ich es

auch erst ein paar Stunden später.

 

Ich sehe in ihre Gesichter. Wisst ihr, warum sie nicht

mehr hier ist? Was sie hat? Und warum es hier alle

diese Instrumente gibt? Mittwoch sehe ich sie alle

wieder. Da werde ich nicht den Affen lesen. Aber

vielleicht werde ich sie fragen, wer diese Frau ist,

der sie die Instrument verdanken.

 

Ich werde eher nicht fragen, warum das so ist oder

wo sie jetzt ist. Aber vielleicht werde ich sagen,

dass sie mich hergeholt hat und wollte,

dass ich mit ihnen spreche. Und vielleicht werde

ich ihnen sagen, sagt es mir wie der Affe,

über den ihr so gelacht habt, wisst ihr noch?

Mit aufgerissenem Maul und rollenden Augen und

mit so tiefer Stimme wie ihr nur könnt. Sie werden

es nicht tun. Aber wenn wir Glück haben, werden sie

an die Direktorin denken und in ihren Augen wird

eine große Dunkelheit sein und wenn einer den Mut

findet, wird er doch fühlen wie der Affe, an den ich sie

erinnert habe.

 

BP, JUNI 2015

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s